Chris Marker Sans Soleil Er sagte mir, es sei für ihn das Bild des Glücks, und auch, dass er mehrmals versucht habe, es mit anderen Bildern zu assoziieren, aber das sei nie gelungen. Er schrieb mir: Ich muss es eines Tages ganz allein an den Anfang eines Films setzen und danach nur Schwarz filmen. Wenn man das Glück im Bild nicht gesehen hat, wird man wenigstens das Schwarz sehen. Er schrieb mir: Ich komme gerade aus Hokkaido, der Insel im Norden. Die reichen, eiligen Japaner nehmen das Flugzeug, die anderen die Fähre. Das Warten, die Untätigkeit, der unterbrochene Schlaf, dies alles versetzt mich in einen vergangenen oder zukünftigen Krieg: Nachtzüge, Entwarnungen, Atombunker - kleine Bruchstücke des Krieges, vom Alltagsleben eingefasst. Er liebte die Zerbrechlichkeit dieser flüchtigen Momente. Diese Erinnerungen, die zu nichts anderem gedient hatten, als eben Erinnerungen zu hinterlassen. Er schrieb: Nach einigen Reisen um die Welt interessiert mich nur noch das Banale. Ich habe es während dieser Reise mit der Ausdauer eines Kopfjägers verfolgt. Beim Morgengrauen werden wir in Tokio sein. Er schrieb mir aus Afrika: er verglich die afrikanische Zeit mit der europäischen Zeit, aber auch mit der asiatischen. Er sagt, im 19. Jahrhundert habe die Menschheit ihre Rechnung mit dem Raum beglichen und es gehe im 20. Jahrhundert um das Zusammenleben der Zeiten. Übrigens, wussten Sie, dass es Emus auf der Île de France gibt? Er schrieb mir, dass es auf den Bissago Inseln die jungen Mädchen sind, die ihren Verlobten aussuchen. Er schrieb mir, in der Bannmeile von Tokio gäbe es einen Tempel, der den Katzen geweiht ist. Ich wünschte, ich könnte Ihnen die Einfachheit, die Unaffektiertheit jenes Paares schildern, das gekommen war, um eine Holzlatte mit Schriftzeichen auf dem Katzenfriedhof niederzulegen. So würde ihre Katze Tora beschützt sein. Nein, sie ist nicht tot, nur entflohen, aber am Tage ihres Todes werde keiner wissen, wie man für sie beten, was man für sie tun müsse, damit sie der Tod bei ihrem wahren Namen nenne. Sie mussten also beide hierher kommen im Regen, um den Ritus zu erfüllen, der die Rissstelle im Gewebe der Zeit wieder flicken würde. Er schrieb mir: Ich werde mich ein Leben danach fragen, wie Erinnerung funktioniert, die nicht das Gegenteil von Vergessen ist, vielmehr seine Kehrseite. Man erinnert sich nicht, man schreibt das Gedächtnis um, wie man die Geschichte umschreibt. Wie kann man sich an Durst erinnern? Er hielt sich nicht gern mit dem Anblick des Elends auf, aber bei allem, was er von Japan zeigen wollte, gab es auch die Randerscheinungen des Modells. Eine ganze Welt von Pennern, Stadtstreichern, kastenlosen Koreanern: zu abgebrannt, um sich Rauschgift leisten zu können, besaufen sie sich mit Bier, mit saurer Milch. Heute hat sich in Namidabashi, zwanzig Minuten vom feudalen Zentrum entfernt einer an der Gesellschaft gerächt, indem er den Verkehr an der Kreuzung regelte. Einer der großen Sakeflaschen, die man am Totentage über den Gräbern ausgießt, wäre für sie das höchste. Ich habe eine Runde ausgegeben in der Kneipe von Namidabashi. Solche Lokale erlauben die Gleichheit des Blicks, die Schwelle, unter der jeder Mensch genauso viel wert ist, wie ein anderer und es auch weiß." Er erzählte mir von der Landungsbrücke von Fogo, einer der Kapverdischen Inseln: Wie lange warten sie da schon auf das Schiff, geduldig wie Steine, dennoch sprungbereit, ein Volk von Umherirrenden, Seefahrern, Weltenbummlern, ein Rassengemisch auf den Felsen, die den Portugiesen als Rangierbahnhof zwischen ihren Kolonien dienten. Ein Volk des Nichts, der Leere, ein vertikales Volk. Offen gesagt, hat man sich je etwas Dümmeres ausgedacht als den Leuten zu sagen, wie es auf den Filmhochschulen geschieht, nicht in die Kamera zu schauen? Er schrieb mir: Der Sahel ist nicht nur das, was man von ihm zeigt, wenn es zu spät ist, es ist ein Land, in das sich die Dürre hineinstürzt wie Wasser in ein leckes Boot. Die für die Zeit eines Karnevals in Bissau auferstandenen Tiere wird man versteinert wiederfinden, sobald ein neuer Sturm eine Steppe in Wüste verwandelt hat. Es ist der Zustand des Überlebens, den die reichen Länder vergessen haben, mit einer einzigen Ausnahme. Sie haben es erraten: Japan. Ein unaufhörliches Hin- und Herreisen ist keine Suche nach Gegensätzen, es ist eine Reise zu den beiden äußersten Polen des Überlebens. Er erzählte mir von Sei Shonagon, einer Ehrendame der Prinzessin Sadako, Anfang des 11. Jahrhunderts der Haian-Periode: Weiß man je, wo sich Geschichte abspielt? Die Regierenden regierten, sie trotzen einander kraft komplizierter Strategien, die wirkliche Macht war in den Händen einer Familie von Erbregenten, der Kaiserhof war nur noch ein Ort für Intrigen und geistvolle Spiele und diese kleine Gruppe von Müßiggängern hat im japanischen Seelenleben eine tiefere Spur hinterlassen als alles Unheil der Politiker, indem sie lernte, aus der Betrachtung der subtilsten Dinge eine Art von melancholischem Trost zu gewinnen. Shonagon hatte eine Manie für Listen: die Liste der eleganten Dinge, der trostlosen Dinge, oder aber der Dinge, die es nicht wert sind getan zu werden. Eines Tages hatte sie die Idee, die Liste aufzustellen der Dinge, die das Herz schneller schlagen lassen - kein schlechtes Kriterium. Ich merke es, wenn ich filme. Ich begrüße das Wirtschaftswunder, aber was ich Ihnen gerne zeigen möchte, sind die Stadtteilfeste. Er schrieb mir: Ich fahre an der Küste von Chiba entlang zurück. Ich denke an Shonagons Listen, an all die Zeichen, die man nur zu nennen brauchte, damit das Herz schneller schlüge, nur nennen. Bei uns ist eine Sonne nicht ganz Sonne, wenn sie nicht strahlt, und eine Quelle muss klar sein. Hier wäre es ebenso unhöflich, Eigenschaftswörter hinzuzufügen, wie an Geschenken die Preisschilder hängen zu lassen. Die japanische Dichtkunst wertet nicht. Es gibt eine Art und Weise, Schiff, Fels, Gischt, Frosch, Rabe, Hagel, Reiher, Chrysantheme zu sagen, die sie alle in einem enthält. Die Tagespresse ist zur Zeit voll von der Geschichte dieses Mannes aus Naguya. Die Frau, die er liebte, war im letzten Jahr gestorben. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt, auf japanische Art wie ein Verrückter, er hatte sogar eine bedeutende Entdeckung gemacht wie es scheint im elektronischen Bereich und dann im Monat Mai hat er sich umgebracht. Man sagt, er habe es nicht ertragen, das Wort Frühling zu hören." Er schrieb mir sein Wiederfinden von Tokio wie eine Katze, die aus den Ferien nach Hause zurückkehrt und sich sofort daran macht, ihre vertraute Umgebung genau zu besichtigen. Er lief herum und sah nach, ob alles noch genau an seinem Platz war: die Eule von Ginza, die Lokomotive von Zymbashi, der Tempel des Fuchses auf der obersten Plattform des Kaufhauses Mitzukoshi, auf der sich kleine Mädchen und Rocksänger ausgebreitet hatten. Man erklärte ihnen, nun seien es die kleinen Mädchen, von denen Ruhm und Ende des Ruhmes abhingen, so dass die Plattenproduzenten vor ihnen zitterten. Man erzählte ihm, dass eine entstellte Frau ihre Maske vor den Vorübergehenden abnahm und sie kratzte, wenn sie sie nicht schön fanden, alles interessierte ihn - er, der für ein Tor von Rummenigge oder die Totoergebnisse nicht aufgeblickt hatte, erkundigte sich fieberhaft nach der Einstufung von Chiyonofuji beim letzten Sumo-Turnier. Er fragte nach den letzten Neuigkeiten von der kaiserlichen Familie, vom Thronfolger, vom ältesten Gangster von Tokio, der regelmäßig im Fernsehen erscheint, um die Kinder das Gutsein zu lehren. Diese einfachen Freuden der Rückkehr in die Heimat, ins Elternhaus, an den Herd, die er nicht kannte, konnten ihm die 12 Millionen anonymen Bewohner bereiten. Er schrieb mir: Tokio ist eine von Eisenbahnen durchzogene, eine mit elektrischen Drähten zusammengenähte Stadt, sie zeigt ihre Adern. Es heißt, das Fernsehen mache ihre Bewohner zu Analphabeten. Ich habe niemals so viele Leute auf der Straße lesen sehen - vielleicht lesen sie nur auf der Straße, oder aber sie tun nur so als ob sie lesen, die Schlitzaugen. Ich verabrede mich wie gewöhnlich in der Kinobuchhandlung von Shinjuku. Die graphische Begabung, die die Japaner Cinemascope zehn Jahrhunderte vor dem Film erfinden ließ, versöhnt ein wenig mit dem traurigen Los der Heldinnen der Comics, Opfer herzloser Drehbuchautoren und einer kastrierenden Zensur. Manchmal entwischen sie und man findet sie an den Mauern wieder. Die ganze Stadt ist ein einziger Comicstrip. Es ist der Planet Mongo - wie sollte man diese Bildhauerkunst nicht wiedererkennen, vom Plastikbarock bis zum Lasziv-Stalinistischen, und diese Riesengesichter, deren Blick man auf sich lasten fühlt, denn die Bildervoyeure werden ihrerseits von Bildern gesehen, die noch größer sind als sie selbst. Wenn es dunkel wird, zerfällt die gigantische Stadt in Dörfer. In deren ländlichen Friedhöfen im Schatten der Banken, in deren Bahnhöfen und Tempeln wird jedes Stadtviertel Tokios wieder zu einem naiven und säuberlichen Flecken, der sich zwischen den Füßen der Wolkenkratzer versteckt. Die kleine Bar von Shinjuku erinnerte ihn an jene indische Flöte, deren Klang nur der hören kann, der sie spielt. Wie man bei Godard oder Shakespeare hätte ausrufen können: wo kommt denn diese Musik her? Später erzählte er mir, er habe im Restaurant von Nishiripor zu Abend gegessen, wo Herr Yamada die schwierige Kunst des Action-Cooking ausübte. Er sagte mir, wenn man Herrn Yamadas Gesten und seine Art, die Zutaten zu mischen, genau beobachte, könnte man mit Gewinn über Grundbegriffe nachdenken, welche Malerei, Philosophie und Karate gemein haben. Er behauptete, Herr Yamada besitze vollendeten Stil, um so bemerkenswerter, als er ihn mit Demut ausübe, und deshalb sei es an ihm, auf diesen ersten Tokiotag das Wort Ende zu schreiben. Ich habe den ganzen Tag vor dem Fernseher verbracht, dem Kasten der Erinnerungen. Ich war in Nara bei den heiligen Hirschen, ich machte ein Foto, ohne zu wissen, dass Bascho im 15. Jahrhundert geschrieben hatte: die Weide betrachtet umgekehrt das Bild des Reihers. Der Werbespot wirkt auch wie ein Haiku für ein Auge, das auf diesem Gebiet an die Gemeinheiten der westlichen Welt gewöhnt ist. Nicht zu verstehen erhöht eindeutig den Genuss. Einen Augenblick hatte ich den etwas halluzinatorischen Eindruck japanisch zu verstehen, aber es war eine kulturelle Sendung des NHK über Gérard de Nerval. 8:40, Kambodscha. Von Rousseau bis zu den Roten Khmer: Koinzidenz oder Sinn der Geschichte? In Apokalypse Now sagte Brando darüber ein paar endgültige und unmittelbare Sätze: das Grauen hat einen Namen und ein Gesicht. Man muss aus dem Grauen einen Verbündeten machen. Um das Grauen, das einen Namen und ein Gesicht hat, auszutreiben, muss man ihm einen anderen Namen und ein anderes Gesicht geben. Die japanischen Horrorfilme haben die tückische Schönheit gewisser Leichen. Man ist manchmal wie vor den Kopf geschlagen vor soviel Grausamkeit. Man sucht die Ursache dafür in der langen Vertrautheit der Völker Asiens mit dem Leid, die verlangt, dass selbst der Schmerz ausgeschmückt wird. Und dann kommt die Belohnung: vor dem Untergang der Monster die Himmelfahrt zu den Masakos. Die absolute Schönheit hat auch einen Namen und ein Gesicht. Aber je länger man das japanische Fernsehen anschaut, desto mehr hat man das Gefühl, von ihm angeschaut zu werden. Die magische Funktion des Auges im Zentrum aller Dinge, das beweist sogar die Tagesschau. Es ist gerade Wahlkampf, die gewählten Kandidaten färben das leergebliebene Auge von Daruma, dem glückbringenden Geist, schwarz. Die untelegenen Kandidaten, würdig und verdrossen, tragen ihre einäugige Daruma davon. Am schwersten zu entziffern sind die Bilder Europas. Ich sehe das Bild eines Films, dessen Ton später nachgeliefert wird. Im Fall von Polen habe ich 6 Monate gewartet. Keinerlei Schwierigkeiten dagegen mit den lokalen Erdbeben. Die Poesie entsteht aus Ungewissheit: umherirrende Juden, zitternde Japaner. Da sie auf einem Teppich leben, den ihnen die launische Natur jederzeit unter ihren Füßen wegziehen kann, haben sie sich angewöhnt sich zu wandeln in einer Welt von vergänglichen, flüchtigen widerrufbaren Erscheinungen: von Zügen, die von Planet zu Planet fliegen, von Samurais, die sich in einer unwandelbaren Vergangenheit schlagen - das nennt man die Impermanenz der Dinge. Ich habe das ganze Programm durchgestanden bis zu den Abendsendungen, die angeblich für Erwachsene bestimmt sind. Die gleiche Heuchelei wie bei den Comics, aber eine verschlüsselte Heuchelei. Die Zensur ist nicht die Verstümmelung des Schauspiels, sie ist selbst Schauspiel. Der Code ist die Botschaft, er bezeichnet das Absolute, indem er es verbirgt. Eben das, was Religionen immer getan haben. In diesem Jahre erschien ein neues Gesicht unter den großen Gesichtern, die die Straßen Tokios, wie ihre Wappen schmücken: das des Papstes. Schätze, die noch nie den Vatikan verlassen hatten, wurden im siebten Stock des Kaufhauses Sogo ausgestellt. Er schrieb mir: Die Wissbegierde, sicher, und so etwas wie einen Anflug von Industriespionage im Auge - ich kann mir gut vorstellen, dass sie in zwei Jahren eine weniger kostspieligere und leistungsfähigere Version des Katholizismus herausbringen - aber auch die Faszination für das Sakrale, selbst das der anderen. Also wann gibt es in der 3. Etage von Karstadt die Ausstellung von sakralen japanischen Zeichen, wie man sie in Josen-kai auf der Insel Hokkaido sieht? Man lächelt zunächst über diesen Ort, der Museum, Kapelle und Sex-Shop zugleich ist. Bewundert, wie immer in Japan, dass die Wände zwischen den Bereichen so dünn sind, dass man gleichzeitig eine Skulptur betrachten, eine aufblasbare Puppe kaufen und der Göttin der Fruchtbarkeit das Kleingeld opfern kann, das stets ihren Darstellungen gebührt. Darstellungen, deren Freizügigkeit die Tricks des Fernsehens unbegreiflich macht, wenn sie nicht gleichzeitig bewiese, dass ein Geschlechtsteil nur gezeigt werden darf, wenn es vom Körper getrennt ist. Man möchte an eine Welt vor dem Sündenfall glauben, unempfänglich für die Komplikationen eines Puritanismus, den die amerikanische Besatzung ihr aufgedrängt hat. Diese Leute, die sich lachend um einen Votivbrunnen versammeln, diese Frau, die ihn mit freundschaftlicher Geste streift, verwende die gleiche kosmische Unschuld. Der zweite Teil des Museums mit seinen ausgestopften Tierpaaren wäre das irdische Paradies, wie wir es uns immer erträumt haben. Gar nicht so sicher: die tierische Unschuld könnte eine List gegen die Zensur sein, aber auch der Spiegel einer unmöglichen Versöhnung, und selbst ohne Erbsünde kann dieses irdische Paradies ein verlorenes Paradies sein. Hinter dem Glanz der lieben Tiere von Josen-kai erkenne ich die tiefe Kluft der japanischen Gesellschaft, die die Männer von den Frauen trennt. Im Leben scheint sie sich nur auf zwei Arten zu manifestieren. Als Bluttat oder als eine verhaltene Melancholie, ähnlich der von Shonagon, die der Japaner mit einem einzigen Wort bezeichnet, übrigens unübersetzbar. Die Herabwürdigung des Menschen zum Tier, gegen die die Kirchenväter wetterten, wird hier zur Herausforderung der Tiere an das Herzzerreißende der Dinge, an eine Melancholie, deren Grundton sich in den Zeilen von Samura Koichi niederschlägt. Wer hat gesagt, die Zeit heile alle Wunden? Besser sollte man sagen, die Zeit heilt alles, nur nicht die Wunden. Mit der Zeit verliert die Wunde der Trennung ihre wahren Ränder, mit der Zeit wird der begehrte Körper nicht mehr sein, und wenn der begehrende Körper schon aufgehört hat, für den anderen zu existieren, ist das was bleibt eine Wunde ohne Körper. Er schrieb mir, dass das japanische Geheimnis, jenes Herzzerreißende der Dinge, wie Levi Strauss es genannt hat, die Fähigkeit voraussetzt mit den Dingen zu kommunizieren, in sie einzudringen, sie vorübergehend zu werden. Es sei normal, dass sie ihrerseits so wären wie wir, vergänglich und unsterblich. "Der Animismus ist ein in Afrika vertrauter Begriff, man wendet ihn seltener auf Japan an, wie soll man aber jenen verschwommenen Glauben nennen, demzufolge irgendein x-beliebiges Bruchstück der Schöpfung seine unsichtbare Entsprechung hat. Wenn man eine Fabrik oder einen Wolkenkratzer baut, beginnt man damit dem Gott, der das Gelände besitzt in einer Zeremonie milde zu stimmen. Es gibt eine Zeremonie für die Pinsel, für die Rechenschieber und sogar für die verrosteten Nadeln. Am 25. September gibt es eine für die Ruhe der Seelen zerbrochener Puppen. Die Puppen werden in einem der Göttin des Mitleids geweihten Tempel in Kiyomitsu zusammengetragen und öffentlich verbrannt. Ich habe die an der Zeremonie Beteiligten betrachtet. Ich denke, dass diejenigen, die beim Abschied der Kamikaze dabei waren, keine anderen Gesichter hatten. Er schrieb mir, dass man über die Bilder von Guinea Bissau eine Musik von den Kapverdischen Inseln legen sollte: Das wäre unser Beitrag zu der von Amilcar Cabral erträumten Einheit. Warum sollte ein so kleines und armes Land den Rest der Welt interessieren. Sie haben getan was sie konnten, sie haben sich befreit, sie haben die Portugiesen vertrieben, sie haben die portugiesische Armee bis zu einem gewissen Punkt traumatisiert, dass in ihr die Bewegung ausbrach, welche die Diktatur gestürzt hat und einen Augenblick an eine Revolution in Europa glauben ließ. Wer erinnert sich noch an all das? Die Geschichte wirft ihre leeren Flaschen aus dem Fenster. Ich war heute morgen auf dem Quai de Pidjiguity, wo 1959 alles begonnen hatte, wo es die ersten Toten in diesem Kampf gab. Es ist wahrscheinlich ebenso schwierig Afrika in diesem undurchdringlichen Nebel zu erkennen wie den Kampf in der etwas trübsinnigen Tätigkeit von tropischen Dockarbeitern. Als sie die Unabhängigkeit erlangt hatten, legte man allen Führerfiguren der Dritten Welt die gleiche Äußerung in den Mund: jetzt beginnen die wahren Probleme. Cabral hatte keine Zeit dies auszusprechen, man hatte ihn vorher ermordet. Aber die Probleme haben begonnen, es hat sie weitergegeben und es gibt sie immer noch. Wenig Probleme, die sich für revolutionäre Romantik eignen würden: Arbeiten, Produzieren, Verteilen, die Erschöpfung der Nachkriegszeit überwinden, mit den Versuchungen der Macht und der Vorrechte fertig werden. Was denn - die Geschichte ist nur für jene bitter, die sie sich süß vorstellen. Mein persönliches Problem war begrenzter. Wie sollte ich die Damen von Bissau finden, offenbar wendete sich die magische Funktion des Auges gegen mich. Auf den Märkten von Bissau und auf den Kapverdischen Inseln habe ich die Gleichgültigkeit des Blicks wiedergefunden, und diese Abfolge von Konstellationen, die einem Verführungsritual so ähnlich ist: ich sehe sie, sie hat mich gesehen, sie weiß, dass ich sie sehe, sie bietet mir ihren Blick, aber aus dem Winkel, wo es gerade noch möglich ist, so zu tun, als gelte er gar nicht mir, und schließlich: der wahre Blick, ganz direkt, der eine fünfundzwanzigstel Sekunde dauert, so kurz wie ein Bild. Alle Frauen bewahren sich eine Wurzel der Unzerstörbarkeit, und es war immer Sache der Männer dafür zu sorgen, dass sie es so spät wie möglich bemerken. Die afrikanischen Männer sind für dieses Verfahren ebenso begabt wie die anderen. Aber wenn ich mir die afrikanischen Frauen genauer ansehe, dann bin ich nicht sicher, dass die Männer die Sieger bleiben. Ein Hund erwartet seinen Herrn jeden Tag am Bahnhof. Der Herr starb, der Hund wusste es nicht und wartete weiter, sein ganzes Leben lang. Mitleidige Leute brachten ihm Futter. Nach seinem Tode errichtete man ihm ein Standbild vor dem immer noch Sushis und Reiskuchen ausgelegt werden, damit die treue Seele von Hachiko nie Hunger leide. Tokio ist voll von solch schlichten Legenden und solchen Tierstauen, die zwischen dem Diesseits und dem Jenseits vermitteln. Der Löwe von Mitsukoshi wacht am Rande des Imperiums von Herrn Okada, eines großen Bewunderers der französischen Malerei, der das Schloss von Versailles mietete, um das hundertjährige Bestehen seiner Kaufhäuser zu feiern. Ich habe dort in der Computerabteilung junge Japaner gesehen, die ihr Gehirn trainierten wie die jungen Athener ihre Muskeln in den Ringerschulen, weil sie einen Krieg zu gewinnen haben. Vielleicht werden Geschichtsbücher der Zukunft die Schlacht der integrierten Schaltkreise ähnlich bewerten wie die Schlacht von Salamis oder Stalingrad, wobei sie dann durchaus bereit sein werden, den unterlegenen Gegner zu ehren, indem sie ihm einen anderen Bereich überlassen. Die Herrenmode der Saison steht im Zeichen von John F. Kennedy. Wie eine alte Votivschildkröte am Rande eines Feldes sah er jeden Tag Herrn Akao, den Präsidenten der japanischen patriotischen Partei von der Höhe seines rollenden Balkons gegen das internationale kommunistische Komplott tönen. Er schrieb mir: Die Wagen der äußersten Rechten mit ihren Fahnen und Lautsprechern gehören zur Landschaft von Tokio ,und Herr Akao ist ihr Mittelpunkt. Ich nehme an, dass er wie der Hund Hachiko ein Standbild bekommt an dieser Kreuzung, von der er sich nur entfernt, um seine prophetischen Reden auf den Schlachtfeldern zu halten. Er war in den sechziger Jahren in Narita. Das war ihre Startbahn West. Die Bauern kämpften gegen den Bau eines Flugplatzes auf ihrem Land und Herr Akao verkündete, dass hinter allem was sich da tat Moskau stecke. Yurakucho ist der politische Freiraum Tokios. Früher einmal habe ich da mal einen Bonzen für den Frieden in Vietnam reden sehen. Heute protestieren junge Rechtsaktivisten dort gegen die Annexion der nördlichen Inseln durch die Russen. Manchmal bekommen sie zur Antwort, dass die Handelsbeziehungen Japans mit dem abscheulichen Besatzer des Nordens tausendmal besser seien als die mit dem amerikanischen Verbündeten, der unablässig zum Wirtschaftskrieg aufrufe. Nichts ist einfach. Auf dem anderen Bürgersteig hat die Linke das Wort: dem koreanischen katholischen Regimegegner Kim Dai Yung, der 1973 von der südkoreanischen Gestapo entführt wurde, droht das Todesurteil. Eine Gruppe hat einen Hungerstreik begonnen. Sehr junge Mitstreiter versuchen Unterschriften zu sammeln. Ich bin nach Narita zurückgekehrt, zum Jahresgedenken eines Opfers des Kampfes - eine irreale Demonstration, der Eindruck Brigaduhn zu spielen - 10 Jahre später inmitten derselben Schauspieler zu erwachen, die gleichen blauen Langusten der Polizei, die gleichen behelmten jungen Männer, die gleichen Schlachtrufe, die gleichen Spruchbänder, das gleiche Ziel: Kampf gegen den Flughafen. Nur etwas ist hinzugekommen: der Flughafen nämlich, aber mit seiner einzigen Start- und Landebahn und den Stacheldrahtverhauen, die ihn einschnüren, sieht er eher belagert aus als siegreich. Mein Freund Yamanenko hat eine Lösung gefunden: wenn die Bilder der Gegenwart sich nicht ändern, dann muss man die Bilder der Vergangenheit ändern. Er hat mir die Bilder von Schlägereien der 60er Jahre gezeigt, die er mit einem Synthesizer bearbeitet hat. Weniger verlogene Bilder, sagt er mit der Überzeugung eines Fanatikers, als die, die du im Fernsehen siehst. Zumindest geben sie sich als das, was sie sind: Bilder, und nicht als die transportable und konkrete Form einer Wirklichkeit, die schon unerreichbar ist. Hayao nennt die Welt seiner Maschine die Zone, eine Hommage an Tarkowski. Wovon mir Narita ein intaktes Fragment, ein zerbrochenes Hologramm wiederspiegelte, war das Bild der Generation der sechziger Jahre. Wenn illusionslose Liebe, Liebe ist, so kann ich sagen, dass ich diese Generation geliebt habe, sie brachte mich auf den Grund (?). Ich teilte nicht ihren Glauben an die Utopien in ein- und demselben Kampf die vereinen zu können, die sich gegen das Elend auflehnen, und die, die sich gegen den Reichtum auflehnen, aber sie stießen den Urschrei aus, den besser ausgebildeten Stimmen nicht mehr zu schreien vermochten oder wagten. Ich habe dort Bauern wiedergetroffen, die sich während des Kampfes begegnet waren. Der Kampf war im konkreten gescheitert. Gleichzeitig hätten sie alles, was sie an Einsicht ins Weltgeschehen und an Selbsterkenntnis gewonnen hatten durch nichts anderes als den Kampf erwerben können. Unter den Studenten gibt es solche, die sich schließlich im Namen der revolutionären Reinheit im Gebirge umgebracht haben und solche, die den Kapitalismus so gründlich studierten, um ihn zu bekämpfen, dass sie heute seine besten Führungskräfte stellen. Die Bewegung hatte wie überall ihre Marktschreier und ihre Emporkömmlinge, aber sie hat all jene mitgerissen, die wie Che Guevara sagten, dass sie vor Entrüstung zitterten, wenn ein Unrecht in der Welt begangen wird. Deshalb werde ich nie dulden, dass man sagt, das Alter von zwanzig ist nicht das schönste. Die Jugend, die sich in Shinjuku an jedem Wochenende versammelt, weiß offensichtlich, dass sie sich nicht auf einer Abschussrampe zum wahren Leben befindet, dass sie selbst Leben ist, zum sofortigen Verzehr bestimmt wie Johannisbeeren. Das ist ein sehr einfaches Geheimnis. Die Alten versuchen es zu verschleiern, nicht alle Jungen kennen es. Das zehnjährige Mädchen, das seiner kleinen Schulkameradin die Hände fesselte und sie von der dreizehnten Etage hinabstürzte, weil es schlecht über seine Klasse geredet hatte, kannte es nicht. Die Eltern, die den Ausbau besonderer Telefonverbindungen zur Vorbeugung von Kinderselbstmorden verlangen, spüren zu spät, dass sie das Geheimnis zu gut verheimlicht haben. Die Rockmusik ist eine internationale Sprache, um das Geheimnis zu verbreiten. Ein anderes ist eine Besonderheit von Tokio. Für die Takenoko beträgt das Pensionsalter zwanzig Jahre, das sind die Marsbabys. Ich gehe jeden Sonntag zum Yoyogi-Park, um sie tanzen zu sehen. Sie versuchen aufzufallen, und ihnen scheint nicht aufzufallen, dass sie auffallen. Sie befinden sich in einer Parallelzeit. Die Wand eines unsichtbaren Aquariums trennt sie von der Menge, die sie anlocken, und ich kann einen ganzen Nachmittag damit verbringen, die kleine Takenoko zu betrachten, die zweifellos zum ersten Mal die Gebräuche ihres Planeten lernt. Abgesehen davon haben sie Erkennungszeichen: sie folgen auf einen Pfiff, die Mafia erpresst sie, und mit Ausnahme einer einzigen aus Mädchen bestehenden Gruppe ist es immer ein Junge, der befiehlt. Eines Tages schreibt er mir: Beschreibung eines Traums. Immer häufiger spielen sich meine Träume vor dem Hintergrund jener Kaufhäuser Tokios ab, vor den unterirdischen Galerien, die sie verlängern und die Stadt verdoppeln. Ein Gesicht erscheint, verschwindet, eine Spur wird wiedergefunden, verliert sich. Alles Drum und Dran des Traums ist dort so richtig an seinem Platz, dass ich am nächsten Morgen beim Erwachen merke, wie ich weiter im Labyrinth der Kellergeschosse die heimliche Gegenwart der vergangenen Nacht suche. Ich fange an mich zu fragen, ob diese Träume wirklich meine eigenen sind, oder ob sie zu einem Gesamt-, zu einem Kollektivtraum gehören, dessen Projektion die ganze Stadt ist. Vielleicht braucht man nur den Hörer von einem der Telefone zu nehmen, die überall herumstehen, um eine vertraute Stimme zu hören oder ein Herz das schlägt, wie am Ende des Films Les visiteurs du soir, das von Sei Shonagon zum Beispiel. Alle unterirdischen Galerien führen zu Bahnhöfen. Die gleichen Gesellschaften besitzen die Kaufhäuser und die Eisenbahn, die den Namen tragen: Keio, Odakyu. Der mit Schlafenden gefüllte Zug versammelt alle Traumbruchstücke zu einem einzigen Film, dem absoluten Film. Die Fahrkarten aus dem Automaten werden zu Eintrittskarten. Er schilderte mir das Januarlicht auf den Treppen der Bahnhöfe. Er sagte mir: diese Stadt müsse wie eine Partitur gelesen werden. Man könne sie leicht in den großen Orchesterstimmen und den vielen Einzelheiten verlieren, und das ergäbe dann das vulgäre Bild Tokios: übervölkert, megaloman, unmenschlich - er glaubte darin viel feinere Zyklen zu erblicken: Rhythmen, Trauben von den vorbeigehenden aufgeschnappten Gesichtern, ebenso differenziert und präzis wie Gruppen von Instrumenten. Manchmal stimmte der musikalische Vergleich mit der ganz einfachen Wirklichkeit überein: die Treppe von Sony in Ginza war selbst ein Musikinstrument - jede Stufe eine Note. All das fügte sich ineinander wie die Stimmen einer etwas komplizierten Fuge, aber es genügte, eine davon auszuwählen und sie festzuhalten. Die der Fernsehbildschirme zum Beispiel: Für sich allein zeichneten sie eine Strecke, die sich manchmal zu unerwarteten Schleifen schloss. Es war eine Saison von Sumo, und die Amateure, die kamen, um sich die Kämpfe in den sehr schicken Showrooms von Ginza anzusehen, waren ausgerechnet die Ärmsten von Tokio, so arm, dass sie kein Fernsehen hatten. Er sah dort die Herumtreiber von Namidabashi auftauchen, diejenigen, mit denen er in einer sonnigen Morgenfrühe Sake getrunken hatte, vor wie vielen Jahren nun schon? Er schrieb mir: Bis in die hintersten Läden elektronischer Bauelemente aus denen Modenarren sich Schmuckstücke machen gibt es in der Partitur Tokios ein besonderes Notensystem. In Europa so selten, dass es mich zu einem wahren Klangexil verdammt. Es ist die Musik der Videospiele, sie sind in Tische eingelassen, und man kann trinken und essen während man weiterspielt. Sie tönen auf die Straße hinaus. Man hört sie, und man kann sie aus dem Gedächtnis weiterspielen. All diese Spiele habe ich in Japan entstehen sehen. Ich habe sie dann in der ganzen Welt wiedergefunden, bis auf eine Variante: zunächst ist es ein bekanntes Spiel. Eine Art von Geschützen, mit denen man unmittelbar nach dem Auftauchen ihre Köpfe, Kreaturen treffen muss, von denen ich noch nicht genau feststellen konnte, ob es Murmeltiere oder Seehundbabys sind. Und nun die japanische Variante: anstelle der Tiere hat man dort vage menschliche Gesichter, die durch eine Schrift gekennzeichnet sind: oben der Generaldirektor, darunter der Vizepräsident und die Direktoren. In der ersten Reihe der Abteilungsleiter und der Personalchef. Der Typ, den ich gefilmt habe, hat mir gestanden, das Spiel sei für ihn keinesfalls allegorisch. Er denke dabei sehr konzentriert an seinen Vorgesetzten. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass die Figur des Personalchefs so oft und so heftig niedergeknüppelt wurde, dass sie außer Betrieb ist und nun wieder durch ein Seehundbaby ersetzt werden musste. Hayao Yamanenko erfindet Videospiele mit seinen Maschinen. Mir zuliebe lässt er die mir vertrauten Tiere dort erscheinen: die Katze und die Eule. Er behauptet, die elektronische Materie sei die einzige, die das Gefühl, das Gedächtnis und die Phantasie verarbeiten könne. Den Arsène Lupin von Mitzgucci zum Beispiel, oder die nicht minder erfundenen Braccomini. Wie kann er behaupten, hier werde eine Kategorie von Japanern dargestellt, die es gar nicht gibt? Ja, es gibt sie. Ich habe gesehen, wie sie sich in Osaka als Tagelöhner verdingen, wie sie auf dem Boden schlafen. Sie sind seit dem Mittelalter für die schmutzigen undankbaren Arbeiten da, aber seit der Meidshi-Zeit haben sie keinerlei offizielle Bezeichnung, und ihr eigentlicher Name, Deetas, ist ein unaussprechliches Tabuwort. Sie sind Unpersonen. Wie sollte man sie anders zeigen als in Form von Unbildern? Die Videospiele sind die erste Phase des Plans, dass Maschinen dem Menschengeschlecht helfen, der einzige Plan, der der Intelligenz eine Zukunft bietet. Vorerst ist die Philosophie unserer Zeit unüberbietbar im Pac-Man enthalten. Als ich ihm alles meine Hundert-Yen-Münzen opferte, wusste ich nicht, dass er die Welt erobern würde. Vielleicht weil er die vollkommenste grafische Metapher für die Daseinsbedingung des Menschen ist. Richtig ausgewogen stellt er die Kräfteverhältnisse zwischen Individuum und Umwelt dar und verkündet uns ganz nüchtern, dass selbst, wenn es irgendwie ehrenvoll sein sollte, die größtmögliche Anzahl siegreicher Schlachten zu schlagen, so müsste es doch immer übel enden. Es gefiel ihm, dass die gleichen Chrysanthemen bei den Bestattungen von Menschen und von Tieren zu sehen sind. Er beschrieb mir die Zeremonie zum Gedenken an die im Laufe eines Jahres gestorbenen Tiere im Zoo von Ueno. Schon zwei Jahre hintereinander wird dieser Trauertag vom Tod eines Panda überschattet, der den Zeitungen zufolge noch unersetzlicher sei als der gerade verstorbene Premierminister. Im vergangenen Jahr hatten die Leute wirklich geweint, nun scheinen sie es hinzunehmen, dass der Tod ihnen jedes Jahr einen Panda nimmt, wie es die Drachen in den Legenden mit den jungen Mädchen tun. Ich habe folgenden Satz gehört: die Wand, die das Leben vom Tode trennt, erscheint uns nicht so dick wie einem Menschen aus dem Abendland. Was ich am häufigsten in den Augen Sterbender gelesen habe, war die Überraschung. Was ich jetzt in den Augen von japanischen Kindern lese, ist die Neugierde - als versuchten sie, um den Tod eines Tieres zu begreifen, durch diese Wand hindurchzublicken. Ich kehre aus einem Land zurück, wo der Tod keine Wand ist, sondern ein Weg, dem man folgen muss. Der große Ahn der Bissago-Inseln hat uns den Weg der Toten beschrieben, und wie sie sich nach einem strengen Protokoll von Insel zu Insel bewegen bis zu dem letzten Strand, an dem sie auf das Boot zur anderen Welt warten werden. Wenn man ihnen versehentlich begegnet, darf man ihnen vor allem nicht zeigen, dass man sie wiedererkennt. Die Bissago-Inseln gehören zu Guinea Bissau. Auf einem alten Stich winkt Amilcar Cabral dem Gestade Lebewohl zu. Er hat recht. Er wird es nie wiedersehen. Luiz Cabral macht die gleiche Geste fünfzehn Jahre später auf der Piroge, die uns zurückbringt. In diesem Augenblick ist Guinea eine Nation geworden, Luiz ihr Präsident. Alle, die sich an den Krieg erinnern, erinnern sich an ihn. Er ist der Halbbruder Amilcars, von guineisch-kapverdischen Blut wie er, und ebenfalls Gründer einer ungewöhnlichen Partei, der PAIGC, einer Kampforganisation, die in zwei kolonisierten Ländern aktiv ist und so die Zusammengehörigkeit beider Staaten dokumentieren will. Ich habe Berichte ehemaliger Guerilleros gehört, die unter derart unmenschlichen Bedingungen gekämpft haben, dass sie die portugiesischen Soldaten bedauerten, die das gleiche ertragen mussten. Das habe ich neben vielem anderen gehört, was einen beschämt, wenn man leichtfertig oder aus Unachtsamkeit, und sei es auch nur ein einziges Mal, das Wort Guerilla gebraucht hat, um damit eine bestimmte Art des Filmemachens zu bezeichnen. Amilcar Cabral ist der einzige, der eine siegreiche Guerilla angeführt hat, und das nicht nur im Sinne militärischen Erfolgs. Er kennt sein Volk, er hat sich lange mit ihm beschäftigt. Er will, dass eine befreite Region auch den Entwurf zu einer neuen Gesellschaft beinhaltet. Die sozialistischen Länder senden Waffen für den Kampf, die Sozialdemokraten schicken Waren für die Kaufhäuser des Volkes und die äußerste Linke möge es der Geschichte verzeihen, aber wenn die Guerilla wie ein Fisch im Wasser ist, dann ist sie es ein wenig dank Schweden. Amilcar hatte keine Angst vor Zweideutigkeiten und er kennt alle Fallstricke. Er hat geschrieben: Man sollte meinen, wir stehen vor einem breiten Strom voller Wellen und Strudel mit Menschen, die ihn überqueren und ertrinken - aber sie haben keinen anderen Ausweg, sie müssen hinüber. Der Schauplatz ist Cassaca am 17. Februar 1980, aber um die Szene besser zu verstehen, muss man der Zeit vorgreifen. In einem Jahr wird Präsident Luiz Cabral im Gefängnis sein, und der Mann, den er gerade ausgezeichnet hat und der nun weint, Kommandant Nino, wird die Macht ergriffen haben. Die Partei wird gespalten sein. Die Bewohner Guineas und der Kapverdischen Inseln werden sich getrennt voneinander um das Erbe Amilcars streiten. Man wird erfahren, dass hinter dieser Beförderungszeremonie, in der die Brüderlichkeit der Kampfzeit fortgesetzt zu werden schien, alle Bitternis der Zeit nach dem Siege verborgen war. Dass Ninos Tränen nicht der Ergriffenheit waren, sondern der verletzte Stolz des Helden, der sich im Vergleich mit anderen nicht genug gewürdigt glaubt. Und hinter jedem der Gesichter ein Gedächtnis und da, wo man uns glauben machen möchte, es sei ein Kollektivgedächtnis entstanden, sind tausend Gedächtnisse von Menschen, die ihre persönliche Zerrissenheit in der großen Zerrissenheit der Geschichte mit sich tragen. In Portugal, das durch den aufrührerischen Teil Bissaus selbst in Aufregung versetzt war, schrieb Miguel Torga, der sein Leben lang gegen die Diktatur gekämpft hat: Jeder Statist, der darin verwickelt ist, vertritt nur sich selbst. Statt eine Veränderung des gesellschaftlichen Panoramas anzustreben, versucht er nur, im revolutionären Akt sein eigenes Bild zu sublimieren. So fallen gewöhnlich die Hervorstrebenden auf eine so vorhersehbare Weise zurück, dass man an eine Art Amnesie glauben muss, die die Geschichte aus Barmherzigkeit oder Berechnung für diejenigen bereitet hat, die sie anheuert. Amilcar ermordet durch Mitglieder seiner eigenen Partei, die befreiten Regionen wieder unter der Gewalt kleiner blutrünstiger Tyrannen, die ihrerseits durch eine Zentralgewalt beseitigt wurden, deren Stabilität jeweils bis zum nächsten Militärputsch gelobt wird. So schreitet die Geschichte voran, indem sie ihr Gedächtnis verschließt, so wie man seine Ohren verschließt. Luiz im Exil in Kuba und Nino, dem Komplotte zu schaffen machen, können sich jederzeit gegenseitig vor das Gericht der Geschichte zitieren. Die versteht nichts, sie hat nur jene Verbündete, von der Brando in Apokalypse Now sprach: das Grauen, das einen Namen hat und ein Gesicht. Ich schreibe Ihnen dies alles aus einer anderen Welt, einer Welt des äußeren Scheins. Die beiden Welten kommunizieren gewissermaßen miteinander. Das Gedächtnis ist für die eine was die Geschichte für die andere ist: eine Unmöglichkeit. Legenden entstehen aus dem Bedürfnis das Unentzifferbare zu entziffern. Das Gedächtnis muss sich mit seinem Wahn, seinen Abweichungen begnügen. Ein angehaltener Augenblick würde es verschmoren wie das Bild eines im Projektor blockierten Films. Der Wahnsinn schützt, wie das Fieber. Ich beneide Hayao und seine Zone. Er spielt mit den Zeichen seines Gedächtnisses, er spießt sie mit Nadeln auf und dekoriert sie wie Insekten, die der Zeit entflogen sind und die er von einem Punkt außerhalb der Zeit, der einzigen Ewigkeit, die uns bleibt, betrachtet. Ich schaue mir seine Maschinen an, ich denke an eine Welt, in der jedes Gedächtnis seine eigene Legende erfinden könnte. Er schrieb mir: Nur ein einziger Film habe die Unmöglichkeit und den Wahnsinn des Gedächtnis auszudrücken vermocht. Ein Film von Hitchcock: Vertigo. In der Spirale des Vorspanns sei er die Zeit, die, je mehr sie sich entfernt, ein umso breites Feld bedeckt, ein Zyklon, der in diesem Augenblick das regungslose Auge ist. Er ist in San Francisco zu allen Drehorten gepilgert: das Blumengeschäft, Podesta Baldocchi wo James Stewart Kim Nowak belauert. Er der Jäger, sie die Beute, oder war es umgekehrt? Der Fliesenboden war unverändert. Er war im Wagen alle Hügel San Franciscos abgefahren, über die Hügel, über die James Scotty, Kim Novack Madeleine folgte. Es scheint sich um eine Beschattung, ein Rätsel, um einen Mord zu handeln, aber in Wirklichkeit geht es um Macht, um Freiheit, um Schwermut und Betörung, die im Inneren der Spirale so genau kodifiziert sind, dass man sich darüber täuschen kann, dass dieser Taumel des Raums in Wirklichkeit einen Taumel der Zeit bedeutet. Er war allen Fährten gefolgt, bis zum Friedhof Dolores zu dem Madeleine kam, um am Grab einer vor langer Zeit verstorbenen Frau zu beten, die sie nicht hätte kennen dürfen. Er war Madeleine, wie Scotty es getan hatte, zum Museum Légion d'Honneur gefolgt, vor das Porträt einer Verstorbenen, die sie nicht hätte kennen dürfen, und auf dem Porträt, wie im Haar Madeleines: die Spirale der Zeit. Das kleine viktorianische Hotel in dem Madeleine verschwand war selbst verschwunden. Statt dessen Beton, an der Ecke von Eddy und Gough. Die Schnittfläche des Sequoia-Stamms war hingegen immer noch in Muymuths. Madeleine zeigte dort auf den kurzen Abstand zwischen zwei konzentrischen Linien, die das Alter des Baumes angeben, und sagte: Mein Leben hat sich in diesem Zwischenraum abgespielt. Er erinnerte sich an einen anderen Film, in dem diese Sequenz zitiert wurde. Die Sequoia waren im Jardin des Plantes in Paris und die Hand zeigt außerhalb eines Punktes des Baumes, außerhalb der Zeit. Das gemalte Pferd in San Juan de Battista, sein Auge, das dem Auge von Madeleine glich. Hitchcock hatte nichts erfunden, alles war da. Er war unter den Bögen des Wandelgangs der Mission gelaufen, wie Madeleine auf ihren Tod zugelaufen war - aber war es der ihre? Von diesem falschen Turm aus stellte er sich Scotty vor, wie er dem Wahn der Liebe verfallen war, wie er mit dem Gedächtnis nicht anders leben konnte, als wenn er es verfälschte, wenn er für Madeleine eine Doppelgängerin in einer anderen Dimension der Zeit erfand, in einer Zone, die nur ihm gehörte, und von der aus er die unentzifferbare Geschichte entziffern konnte, wie sie am Golden Gate begonnen hatte, als er Madeleine aus der Bucht von San Francisco gezogen hatte, sie vor dem Tode gerettet hatte, bevor er sie wieder hineinwarf - oder aber war es umgekehrt? In San Francisco habe ich die Wallfahrt zu einem Film gemacht, den ich neunzehnmal gesehen habe. In Island habe ich den Grundstein zu einem imaginären Film gelegt. In jenem Sommer war ich drei Kindern auf einer Straße begegnet, und ein Vulkan war aus dem Meer aufgetaucht. Die amerikanischen Astronauten kamen auf diesen mondähnlichen Flecken, um für ihre Mondfahrt zu trainieren. Ich erkannte sofort eine Science-Fiction-Szenerie. Die Landschaft eines anderen Planeten, oder vielmehr, dass es die Landschaft unseres Planeten sei, für jemanden, der von anderswoher, von sehr weit herkommt. Ich stelle ihn mir vor, wie er auf diesem vulkanischen Boden mit der Schwerfälligkeit eines Tiefseetauchers vorwärtsgeht. Plötzlich stolpert er und beim nächsten Schritt, ein Jahr später, geht er auf einem schmalen Pfad in der Nähe der niederländischen Grenze, entlang einem Reservat von Meeresvögeln. Das ist sein Ausgangspunkt. Warum nun dieser Einschnitt in die Zeit, dieses Zusammenfügen von Erinnerungen? Eben das kann er nicht verstehen. Er kommt nicht von einem anderen Planeten, er kommt aus unserer Zukunft: 4001, die Epoche, in der das menschliche Gehirn das Stadium der Vollbeschäftigung erreicht hat. Alles funktioniert vollkommen, alles, was wir jetzt noch schlafen lassen, das Gedächtnis inbegriffen. Die logische Folge: ein totales Gedächtnis ist ein anästhesiertes Gedächtnis. "Nach vielen Geschichten von Menschen, die das Gedächtnis verloren haben, hier nun die Geschichte eines Menschen, der die Fähigkeit verloren hat zu vergessen, und der aufgrund einer Laune der Natur, anstatt stolz darauf zu sein und jene Menschheit der Vergangenheit und ihre Finsternis zu verachten, sich ihr zuwendet, zunächst aus Wissbegierde und dann aus Mitleid. In der Welt, aus der er kommt, können alle Erinnerungen, die Rührung vor einem Porträt, die Erregung beim Hören einer Musik, nur Zeichen einer langen leidvollen Prähistorie sein. Er will verstehen. Diese Krankheit der Zeit empfindet er als eine Ungerechtigkeit. (...?) Er ist der Fürsprecher der Dritten Welt der Zeit. Die Vorstellung, in der Vergangenheit seines Planeten habe Unglück existiert, ist ihm ebenso unerträglich wie die Existenz des Elends in ihrer Gegenwart. Natürlich wird erscheitern. Das Unglück, das er entdeckt, ist ihm ebenso unzulänglich wie für die Kinder eines reichen Landes das Elend eines armen Landes unvorstellbar ist. Er hat sich entschieden, auf seine Vorrechte zu verzichten, aber er kann nichts gegen das Vorrecht tun sich entschieden zu haben. Seine einzige Wegzehrung ist eben das, was ihn zu dieser absurden Suche getrieben hat: ein Zyklus von Melodien Musorgskis. Man singt sie immer noch im vierzigsten Jahrhundert. Ihr Sinn ist verlorengegangen, aber hier hat er zum ersten Mal die Existenz dessen wahrgenommen, was er nicht verstand, was mit Unglück und Gedächtnis zusammenhängen musste, was er um jeden Preis zu verstehen versuchen musste, und, um das zu finden er mit der Schwerfälligkeit eines Tiefseetauchers aufgebrochen war. Natürlich werde ich ihn niemals drehen, aber ich sammle die Landschaften. Ich denke mir die Änderungen aus, ich setze meine Lieblingsgeschöpfe hinein und ich gebe ihm sogar einen Titel, den der Melodien Musorgskis: Ohne Sonne. Am 15. Mai 1945 um sieben Uhr morgens trat das 382. amerikanische Infanterieregiment zum Sturm an auf einen Hügel Okinawas, der dann Dick Hill getauft wurde. Ich nehme an, dass die Amerikaner glaubten japanischen Boden zu erobern, und dass sie nichts von der Kultur Ryukyus wussten. Ich wusste auch nichts davon, außer dass mir die Gesichter der Frauen auf dem Markt von Itoman mehr über Gauguin sagten als über Utamaro. Ist es das Besondere der Inseln, dass sie aus den Frauen die Bewahrerrinnen ihres Gedächtnisses machten? Ebenso wie auf den Bissago Inseln wird hier das magische Wissen von den Frauen weitergegeben. Jede Gemeinschaft hat ihre Priesterin, die Noro, die alle Riten leitet, mit Ausnahme der Bestattung. Die Japaner verteidigten jeden Meter ihrer Stellungen. Am Ende des Tages waren die beiden Kampfgruppen der L-Kompanie nur bis zur Hälfte des Hügels vorgedrungen. Ein Hügel wie der, auf dem ich einer Gruppe von Dorfbewohnern folgte, die zu einer Reinigungszeremonie gingen. Die Noro steht in Verbindung mit den Göttern des Meeres, des Regens, der Erde und des Feuers. Sie spricht von ihnen wie von Familienangehörigen, die es zu etwas gebracht haben. Alle verneigen sich vor der Schwestergöttin, die im Absoluten das Vorrecht der Schwester vor dem Bruder verkörpert. Sogar nach ihrem Tode genießt die Schwester eine geistige Vormacht. In der Morgenfrühe setzten sich die Amerikaner ab, der Kampf dauerte noch einen Monat lang, ehe sich die Insel ergab und in die moderne Welt hinüberkippte. 27 Jahre amerikanische Besatzung, die Wiederherstellung einer umstrittenen japanischen Souveränität, und zwei Kilometer entfernt von den Kegelbahnen und Tankstellen unterhält sich die Noro weiter mit den Göttern. Nach ihr wird der Dialog aufhören. Beim Filmen dieser Zeremonie wusste ich, dass ich da ein Ende miterlebte. Magische Kulturen die verschwinden, hinterlassen Spuren in den nachfolgenden Kulturen. Diese hier wird keinerlei Spuren hinterlassen. Der Bruch der Geschichte ist zu gewaltsam erlebt. Ich habe diesen Bruch auf dem Gipfel des Hügels erlebt, so wie ich ihn am Rande jenes Grabens erlebt hatte, wo sich 1945 zweihundert Mädchen mit Granaten in die Luft gesprengt hatten, um nicht lebend in die Hände der Amerikaner zu fallen. Die Menschen lassen sich vor dem Graben fotografieren, gegenüber verkauft man Andenkensfeuerzeuge. Sie haben die Form von Granaten. Auf der Maschine von Hayao gleicht der Krieg Buchstaben, die man verbrennt und die sich in einem Feuerrad selbst zerreißen. Die Codebezeichnung von Pearl Harbour war Tora, Tora, Tora. Der Name der Katze, für die das Paar von Gokokuji betet. Also wird alles mit dem dreimal ausgesprochenen Namen einer Katze begonnen haben. Bei Okinawa stürzten sich die Kamikazeflieger auf die amerikanische Flotte. Sie sollte zu einer Legende werden. Dazu eigneten sie sich freilich besser als jene Sonderabteilungen, die ihre Gefangenen dem Frostwetter der Mandschurei und dann dem heißen Wasser aussetzten, um herauszufinden wie schnell sich das Fleisch von den Knochen löst. Man muss die letzten Briefe der Kamikaze lesen, um zu wissen, dass sie nicht alle Freiwillige waren und dass nicht alle fanatisierte Samurais gewesen sind. Bevor er seine letzte Schale Sake trank, hat Riotchi Uhebara geschrieben: Ich habe immer geglaubt, Japan müsse frei leben, damit es ewig lebe. Es mag idiotisch sein dies heute unter einem totalitären Regime zu sagen. Wir Kamikazeflieger sind Maschinen, wir haben nichts zu sagen, es sei denn unsere Landsleute flehentlich zu bitten, aus Japan das große Land unserer Träume zu machen. Im Flugzeug bin ich eine Maschine, ein Stück magnetischen Eisens, das sich an den Flugzeugträger heften wird, aber wieder auf der Erde zurück bin ich ein Mensch mit Gefühlen und Leidenschaften. Verzeiht mir diese wirren Gedanken. Ich hinterlasse euch ein eher schwermütiges Bild, aber in meinem Inneren bin ich glücklich. Ich habe frei gesprochen, verzeiht mir. Bei jeder Rückkehr aus Afrika machte er eine Zwischenstation auf der Insel Sal, einem Fels aus Salz mitten im Atlantik. Am Ende der Insel, hinter Santa Maria und dem Dorffriedhof mit den bunten Gräbern, braucht man nur weiter vor sich hin zu gehen, um der Wüste zu begegnen. Er schrieb mir: Ich habe die Erscheinungen begriffen. Plötzlich ist man in der Wüste wie in der Nacht. Nichts außer ihr existiert mehr - die Bilder, die sich einstellen will man nicht wahrhaben. Habe ich Ihnen geschrieben, dass es Emus auf der Île de France gibt? Dieser Name Insel Frankreichs klingt bizarr auf der Insel Sal. In meinem Gedächtnis überlagert sich das Bild zweier Türme: das des verfallenen Schlosses von Montpilloi, das Jeanne d´Arc als Stützpunkt gedient hat und das des Leuchtturms an der Südspitze der Insel Sal, eines der letzten Leuchttürme, nehme ich an, auf dem noch Petroleum benutzt wird. Ein Leuchtturm im Sahel wirkt wie eine Collage, solange man das Meer nicht erblickt hat am Rande von Sand und Salz. Die Crews von Überseeflugzeugen lösen sich auf Sal ab. Ihr Club verleiht dieser Grenze zur Leere den leisen Hauch eines Badeortes, der alles Übrige noch irrealer macht. Sie füttern herumstreunende Hunde, die den Strand bevölkern. Heute Abend waren sie ganz aufgeregt, mein Hunde. Sie spielten mit dem Meer wie ich sie nie vorher hatte spielen sehen. Als ich später Radio Hongkong einstellte, begriff ich. Es war der erste Tag des neuen Mondjahres, und zum ersten Mal seit 60 Jahren kreuzte das Zeichen des Hundes das Zeichen des Wassers. Hier in 18.000 Kilometern Entfernung bleibt inmitten langer beweglicher Schatten, die das Januarlicht auf dem Boden Tokios wandern lässt, ein einziger unbewegt: der Schatten des Bonzen Asakusa. Denn auch in Japan beginnt jetzt das Jahr des Hundes. Die Tempel sind voll von Besuchern, die ihre Münze einwerfen und auf japanische Art beten. Ein Gebet, das sich ins Leben einfügt ohne es zu unterbrechen. Verloren am Ende der Welt, auf meiner Insel Sal in Gesellschaft meiner herumstolzierenden Hunde, erinnere ich mich an den Januar in Tokio, oder vielmehr: ich erinnere mich an die Bilder, die ich im Januar in Tokio gefilmt habe. Sie haben sich jetzt anstelle meines Gedächtnisses gesetzt. Sie sind mein Gedächtnis. Ich frage mich wie die Leute sich erinnern, die nicht filmen, die nicht fotografieren, die keine Bandaufzeichnungen machen, wie die Menschheit überhaupt verfahren hat, um sich zu erinnern. Ich weiß, sie schrieb die Bibel. Die neue Bibel wird das endlose Magnetband einer Zeit sein, die unablässig über sich nachlesen muss, um zu wissen, dass es sie gegeben hat. Hier: was uns die Orakel in Erwartung des Jahres 4001 und seines totalen Gedächtnisses verheißen könnten. Etwas mehr Macht über dieses Gedächtnis, das, wie Jeanne d'Arc von Stützpunkt zu Stützpunkt weiterzieht, das man als Kurzfilmnachricht von Radio Hongkong auf den Kapverdischen Inseln empfangen, nach Tokio projizieren kann, das durch die Erinnerung an eine bestimmte Farbe auf einer Straße einen in ein anderes Land hinüberbringt, in eine andere Distanz, eine andere Musik, ohne dass es je endet. Am Ende des Gedächtnisweges wirken dann die Ideogramme der Île de France nicht weniger rätselhaft als die Kanji Tokios in dem wundervollen Licht des neuen Jahres. Es ist der indische Winter, als ginge die Luft als erstes Element aus den zahllosen Zeremonien hervor, bei denen sich die Japaner von dem einen Jahr sauber waschen, um in das andere zu gehen. Ein ganzer Monat ist nicht zuviel für sie alle Pflichten zu erfüllen, die ihnen die Höflichkeit gegenüber der Zeit aufbürdet. Die Interessanteste davon ist unbestritten der Erwerb des Vogels Uso im Tempel von Tenjin. Laut Überlieferung frisst er alle Lügen, die man im kommenden Jahr sagt, auf und verwandelt sie, so eine andere Legende, in Wahrheiten. Aber das, was die Farbe des Straßenbildes im Januar ausmacht, was sie schlagartig verändert, ist das Auftauchen von Kimonos. Auf der Straße, in den Kaufhäusern, in den Büros, sogar am Eröffnungstag der Börse tragen die Mädchen ihre Winterkimonos mit Pelzkragen. In diesem Augenblick des Jahres mögen die anderen Japaner getrost das superflache Fernsehgerät erfinden, sich mit der Motorsäge entleiben oder zwei Drittel des Weltmarktes für Halbleiter erobern. Es ändert nichts daran, dass man nur noch die Kimonomädchen sieht. Der 15. Januar ist der Tag der zwanzig Jahre, ein Pflichtfeiertag im Leben einer jungen Japanerin. Die Stadtverwaltungen verteilen Säckchen voller Geschenke: Notizbüchlein, Empfehlungen, Ratgeber für eine gute Bürgerin, eine gute Mutter, eine gute Ehefrau. An diesem Tag darf jedes zwanzigjährige Mädchen von jedem x-beliebigen Ort Japans aus kostenlos mit seiner Familie telefonieren: Kinder, Küche, Tempel - das sind die Vorzimmer des Erwachsenenalters. Die Welt der takenoko und Rocksänger entfernt sich wie eine Rakete. Redner erklären was sich die Gesellschaft von den Mädchen erwartet. Wie viel Zeit brauchen sie, um das Geheimnis zu vergessen? Und dann, wenn alle Feste zuende sind, braucht man nur noch alle Verzierungen, alles Beiwerk des Festes aufzulesen, und indem man sie verbrennt wieder ein Fest zu machen. Das ist das Dondo Yaki, eine Schinto-Segnung auf diesen Scherben, die ebenso das Recht auf Unsterblichkeit haben wie die Puppen von Ueno. Der letzte Zustand vor ihrem Verschwinden ist der des Herzzereissenden aller Dinge. Der einäugige Geist Daruma präsidiert zum letzten Mal auf der Spitze des Scheiterhaufens. Das Opfer muss ein Fest sein, das Zerreißen muss ein Fest sein, der Abschied von allem, was man verloren, zerbrochen, verschlissen hat, muss durch die Zeremonie geadelt werden. In Japan könnte der Wunsch von Henry de Montherlant in Erfüllung gehen, dass die Scheidung ein Sakrament sei. Der einzige störende Augenblick dieses Rituals wäre der Reigen der Kinder, die mit ihren langen Stangen auf den Boden stoßen. Ich habe nur eine Erklärung dafür bekommen, eigenartig: es geht darum die Maulwürfe zu vertreiben. Und da haben sich ganz von selbst meine drei Kinder aufgedrängt. Ich habe die ganze Einstellung wieder aufgegriffen, indem ich dieses ein wenig unscharfe Ende hinzugefügt, dieses unter der Gewalt des Windes, der uns auf der Steilküste ins Gesicht schlug, zitternde Bild, und was besser erklärt als alles Übrige, was ich gerade in diesem Augenblick sah, warum ich sie mit ausgestreckten Armen und ausgezogenem Zoom festhielt bis zur letzten fünfundzwanzigstel Sekunde. Die Stadt Heimaey dehnte sich unter uns aus, und als Haroun Tazieff mir fünf Jahre später schickte, was er an derselben Stelle gefilmt hatte, fehlte mir nur der Name, um zu begreifen, dass die Natur hier ihre eigenen Dondo Yaki veranstaltete. Der Vulkan der Insel war erwacht. Ich habe diese Bilder betrachtet und es war, als habe sich das ganze Jahr 1965 mit Asche bedeckt. Es hat also genügt zu warten und der Planet inszenierte selbst die Tätigkeit der Zeit. Ich habe mein Fenster wiedergesehen, ich habe Dächer und vertraute Balkone auftauchen sehen: die Orientierungszeichen auf meinen Spaziergängen, die ich täglich in die Stadt und bis zur Steilküste unternahm, wo ich den Kindern begegnete. Die Katze mit den weißen Pfoten, die Tazieff liebenswürdigerweise für mich filmte, hat natürlich ihren Platz gefunden und ich habe gedacht, dass von allen Gebeten, die damals diese Reise begleiteten, das Richtigste, das von der Dame Gotokuji gewesen ist, die einfach zur Katze Tora gesagt hatte: Geliebte Katze, wo du auch sein magst, möge deine Seele den Frieden finden. Und dann ist die Reise selbst in der Zone angelangt. Hayao hat mir meine Bilder gezeigt, schon angegriffen von der Flechte der Zeit, befreit von der Lüge, welche die Existenz jener Momente verlängert hat, die von der Zeitspirale verschlungen sind. Als der Frühling kam, als jede Krähe ihren Schrei um einen halben Ton anhob, um ihn zu verkünden, nahm ich den grünen Zug der Yamanota Linie und stieg im Bahnhof von Tokio in der Nähe der Hauptpost aus. Selbst wenn die Straße leer war, blieb ich bei roter Ampel stehen: nach japanischem Brauch, um Platz für die Geister der Autowracks zu lassen. Selbst wenn ich überhaupt keinen Brief erwarte, bleib ich vor dem Schalter der postlagernden Sendungen stehen, denn man muss die Geister der zerrissenen Briefe ehren und vor dem Luftpostschalter stand ich, um die Geister der nicht abgeschickten Briefe zu grüßen. Ich ermaß die unerträgliche Eitelkeit der westlichen Welt, die nicht aufhört, das Sein dem Nichtsein und das Gesagte dem Nichtgesagten zu bevorzugen. Ich ging an den kleinen Läden der Kleiderhändler entlang, ich hörte in der Ferne die Stimme von Herrn Akao, die von den Lautsprechern wieder zurückgeworfen wurde und die nun einen halben Ton lauter klang. Dann ging ich hinab in den Keller, wo mein manischer Kollege sich mit seinen elektronischen Graffitis beschäftigte. Im Grunde rührt mich seine Sprache, weil sie sich an jenen Teil von uns wendet, der nicht aufhört Umrisse an Gefängnismauern zu zeichnen. Eine Kreide, um Konturen von dem zu folgen, was nicht ist oder nicht mehr ist oder noch nicht ist, eine Schrift, die einmal jeder benutzen wird, um seine eigene Liste von Dingen, die das Herz schneller schlagen lassen, zusammenzustellen, um sie zu verschenken oder sie auszulöschen. In diesem Augenblick wird die Poesie von allen gemacht werden und es wird Emus in der Zone geben. Er schreibt mir aus Japan, er schreibt mir aus Afrika. Er schreibt mir, dass er nun den Blick der Dame auf dem Markt von Praia festhalten kann, der nur so kurz war wie ein Bild. Wird es eines Tages einen letzten Brief geben?